Rutter | Mozart | Kritik

Hat ein Dirigent das richtige „Material“ zur Hand, kann ihm alles gelingen. Für Thomas Gabrisch könnte es zurzeit wohl kaum besser laufen. Gerade hat er die letzte Aufführung der hochgelobten Fledermaus an der Robert-Schumann-Hochschule geleitet. Jetzt kann er mit einer brillanten Aufführung gleich zweier Messen in der Ratinger Stadthalle glänzen.

Am Donnerstag, 13. Februar 2003, wurde in der Carnegie Hall, London, unter der Leitung des Komponisten John Rutter sein Werk Mass of the Childrenuraufgeführt. Klassische Satztechniken hat Rutter mit populärer Harmonik verbunden, so dass hier tatsächlich eine „moderne Klassik“ entstanden ist, die von Neuer Musik weit entfernt scheint. Versehen hat er die eingängige Musik mit den Texten der lateinischen Missa brevis und poetischen Texten von Thomas Kens, die dem Werk den zeitlichen Rahmen eines Tages zuweisen. Weniger Glück mit einem kirchenmusikalischen Werk hatte 1782 Wolfgang Amadeus Mozart in Wien. Seine Messe in c-moll blieb ein Fragment. Trotzdem gehört diese Missa solemnis aufgrund ihrer stilistischen Vielfalt zu den wichtigsten Werken Mozarts und wurde mehrfach fortgeschrieben. Der Ratinger Konzertchor hat sich für die Fassung von Helmut Eder unter Mitwirkung von Monika Hall und Klaus Martin Ziegler entschieden.

Es ist immer wieder eindrucksvoll, mit welchem Aufwand der Konzertchor kulturelle Höhepunkte an einem Ort schafft, an dem sonst eher provinzielle Kleinkunst stattfindet, wie die Plakate an der Stadthalle nachhaltig verkünden. Im zugehörigen Parkhaus künden die Autokennzeichen davon, dass die Aufführungen des Chors inzwischen mindestens regionale Bedeutung erlangen – und es sind wohl nicht nur die Autos der Eltern, die ihre Kinder als Sängerinnen und Sänger des renommierten Jugendchors St. Remigius aus Düsseldorf-Wittlaer nach Ratingen bringen.

Nach dem schon fast choreografiert anmutenden Einzug von Sängern und Musikern, der den Konzertchor im Hintergrund, davor die Musiker, links davon den Jugendchor und vor dem Orchester die Solisten positioniert, ist die ideale Ausgangssituation für die Messe der Kinder geschaffen.

Foto © Jürgen Paust-Nondorf

Gabrisch hat also hervorragendes „Material“ zur Hand. Und nutzt es. Mit großer, mitunter dramatischer Geste packt er die Choristen, motiviert die Jugendlichen, die von Jugendchor-Leiterin Petra Verhoeven trefflich einstudiert wurden, zu Höchstleistungen, während er die Sinfonietta und die Balance der verschiedenen Gruppen keinen Moment aus den Augen lässt. Dem Dirigenten gelingt, eine unglaubliche Dynamik zu entwickeln, die aus dem kirchenmusikalischen Werk eine Filmmusik macht, ohne den religiösen Hintergrund zu vernachlässigen. Es ist nicht weniger als ein 40-minütiges Feuerwerk, das die Akteure entfachen.

Nach der Pause, die der Konzertchor nach der völlig überzogenen Länge beim letzten Konzert dankenswerterweise wieder auf das übliche Maß korrigiert hat, sind etliche der Jugendlichen geblieben, um zu erleben, was die Erwachsenen ohne ihre Unterstützung aus Mozarts Großer Messe machen. Gabrisch treibt die Dynamik weiter voran. Das Kunststück, das ihm gelingt, ist, die Ausgewogenheit im Zusammenspiel von Chor, Orchester und Solisten auch bei Mozart zu halten, ohne an Dramatik zu verlieren. Selten erlebt man eine Dreiviertelstunde Kirchenmusik so fesselnd wie an diesem Abend.

Die Solisten tragen ihren Teil dazu bei, ohne in den Vordergrund zu rücken, was hier als Kompliment für die Ausgeglichenheit der Aufführung zu verstehen ist. Wieder dabei ist Sabine Schneider, die ihren Sopran schön und unaufgeregt ins Feld führt, um schließlich den Höhepunkt des Abends zu bestreiten: Die Arie Et incarnatus est trägt sie ohne Notenblatt mit der ihr eigenen Intensität vor. Da muss Monika Mauch als zweite Sopranistin kompositionsbedingt – schließlich war die erste Sopranistin von Mozart für seine Frau geschrieben – zurückbleiben. Sebastian Kleins Bariton fügt sich wunderbar in den Ablauf ein. Tenor Dino Lüthy bleibt ein wenig klein in der Stimme, die er aber sauber führt. Dass sich die Choristen, die ihr Hobby mit viel Engagement ausüben, an ihren Notenmappen festhalten, ist nachvollziehbar und legitim. Bei den Solisten, die sich geradezu in ihre Notenblätter vergraben, stellt sich bei einem vergleichbar eher kleinen Text und Auftritt die Frage, ob das der Professionalität des Sängers genügt.

Dem Publikum ist das egal. Es hat zum wiederholten Mal einen wundervollen Abend beim Konzertchor Ratingen erlebt und feiert das ausgiebig. Die Choristen dürfen stolz auf sich sein. Und wenn sie nun, wie zu hören ist, von finanziellen Kürzungen der Stadt bedroht werden, ist eine Überlegung wert, ihr Engagement in die nahegelegene Landeshauptstadt zu verlegen. Vielleicht wäre das auch für andere Städte ein Zeichen, ihr kulturelles Investment zu überdenken. Der Konzertchor Ratingen jedenfalls hat mit dem heutigen Abend wieder einmal gezeigt, dass er davor nicht zurückzuschrecken bräuchte.

Opernnetz | Michael S. Zerban